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Ein großes Geheimnis

Meinen Namen möchte ich nicht verraten. Er ist seit fast 2.000 Jahren ein gut gehütetes Geheimnis. Nur so viel: Ich war der Lieblingsjünger Jesu.

Illustration: Harald Schröder  
 
Ich kann Euer Geschrei deutlich hören: „Das kann nicht sein! Jesus hat alle Menschen gleich lieb!“ – „Total ungerecht, einen so zu bevorzugen!“ Halt! Halt! So war das ja gar nicht. Das mit dem „Lieblingsjünger“ ist vielleicht eine etwas unglückliche Übersetzung. Mir gefällt der Ausdruck viel besser: „Der Jünger, den Jesus liebte.“

Aber auch jetzt grummelt Ihr natürlich noch: „Hat Jesus die anderen denn nicht geliebt?“, fragt Ihr. Nun, ich denke, diese Frage ist falsch gestellt. Jesus liebte mich! (Und nebenbei gesagt: Er liebt mich noch immer, weit über seinen Tod hinaus.) Das heißt aber nicht, dass er die anderen nicht liebte. Ich habe keinen Exklusivvertrag mit der Liebe Jesu.

Ich war und bin nicht der Einzige, den Jesus liebte. Aber, er liebte mich. Und das ist das Einzige, was für mich wichtig war und ist. Wie viele andere außer mir, das ist doch vollkommen egal. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus jeden auf seine ganz besondere und eigene Weise liebt. Die, die für ihn wichtig und richtig ist. Und das ist gut und genug.

Ich weiß, das ist für Euch schwer zu verstehen. Ihr schielt gerne auf den anderen. Bekommt er mehr als ich? Ist er/sie besser, beliebter? Lieben die Eltern, die Freunde, die Lehrer die da vielleicht mehr als mich?

Stell Dir die Liebe vor wie ein Spiel mit unendlich vielen Möglichkeiten. Eine davon ist speziell für Dich da. Sie ist auf Dich zugeschnitten. Sie passt, weil Gott genau Dich meint mit seiner Liebe zu Dir. Nicht die tausend anderen um Dich herum. Er schüttet seine Liebe nicht mit der Gießkanne über alle gleich aus. Schert alle über einen Kamm. Nein – genau Du bist gemeint. Das durfte ich erfahren, wenn ich bei Jesus war. Ein wunderbares Gefühl! Jesus und ich hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Wohlgemerkt: nicht besser als andere, nicht wertvoller, sondern speziell: Jesus und ich.

Das hat der Schreiber des Johannesevangeliums gespürt. Er ist der Einzige, der von mir erzählt. Ich denke, er möchte Euch allen Mut machen mit meinem Beispiel.

Der Evangelist Johannes erzählt davon, wie wir beim Letzten Abendmahl mit Jesus zusammen waren. Jesus sprach davon, dass einer von uns ihn verraten würde. Wir waren total geschockt. Ich lag neben Jesus. Ich erinnere mich, als sei es erst gestern gewesen. Ich spürte, dass Jesus sehr, sehr traurig war. Einer seiner besten Freunde würde ihn verraten. Und: Er hatte Angst. Er wusste, dass er sterben würde. Nicht sanft entschlafen, sondern grausam gequält. Und in diesem Augenblick machte Jesus mir ein großes Geschenk, oder ich ihm? Wer kann das schon so genau sagen. Ich lehnte mich an seine Brust. Ich durfte ihm ganz nah sein. Er konnte spüren, wie sehr auch ich ihn liebte.

Ich bin heute sehr dankbar dafür, dass ich in dieser Stunde den Mut hatte, mich so an ihn zu lehnen. Es war mir egal, ob Petrus eifersüchtig war. Oder ob Ihr heute empört denkt: Wie kann ein Mann sich so an einen anderen ankuscheln? Die Nähe, die wir uns gegenseitig schenkten, war unendlich wertvoll für uns beide. Sie hat sogar das furchtbare Sterben Jesu überdauert. Ich stand mit seiner Mutter gemeinsam unter dem Kreuz. Und ich war mit Petrus zusammen am leeren Grab. Wir gingen in die Grabhöhle hinein. Jesus war fort. Und doch spürte ich: Er ist nicht weg. Er ist da. In meiner Nähe. Das war mehr als eine fromme Hoffnung, als eine vage Idee. Das ist Glaube.

Als wir dann einige Zeit später am See von Tiberias Fische fingen, kam ein Mann zu uns. Er bat um etwas zu essen. Aber wir hatten die ganze Nacht nichts gefangen. Da sagte er zu uns: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen.“ Wir taten es und das Netz war so voller Fische, dass wir es gar nicht mehr ins Boot ziehen konnten. Und wieder spürte ich ganz deutlich: „Jesus ist hier bei uns.“ Diese Erinnerungen sind mein ganzer Reichtum. Und ich finde es wunderbar, dass der Evangelist Johannes sie für Euch aufgeschrieben hat. Meinen Namen hat er nicht genannt. Klug, finde ich!



Monika Schell




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